Die Laudatio von Prof. Zick


Demokratieförderung in unsicheren Zeiten

Laudatio zum 5. Sächsischen Förderpreis für Demokratie von Prof. Dr. Andreas Zick, Universität Bielefeld, Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung


Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke für die große Ehre, hier reden zu dürfen. Es ist eine besondere Ehre für jemanden, der sich mit der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, dem Extremismus und anti-demokratischen Meinungen beschäftigt, die Laudatio zum Sächsischen Förderpreis für Demokratie halten zu dürfen. Ich freue mich auch, wieder in dieser schönen Stadt Dresden zu sein, wo ich einmal ein Büro hatte mit einem wundervollen Blick auf die – wie Helge Schneider meint – Damenkirche.

Eigentlich sollte hier der DGB-Vorsitzende Michael Sommer reden, dem wir von hier aus gute Genesungswünsche senden. Ich kann nicht der Ersatz von Herrn Sommer sein, und ich möchte eigentlich auch gar nicht tauschen, weil ich mich gerade als Wissenschaftler ganz wohl fühle. Die Wissenschaft gibt mir hinreichend Distanz zu den Problemen, die ich gleich besprechen werde. Eine Distanz, die die Demokratieprojekte oft nicht haben, es sei denn sie werden gecoacht, supervisiert oder haben die Chance, sich unabhängig vom Problemdruck mal miteinander zu unterhalten. Sicherlich ist die Distanz zwischen der Wissenschaft und Praxis immer noch sehr groß, aber wir arbeiten daran.

Das Motto meiner Rede, die den vielen Projekten in Sachsen gewidmet ist, entnehme ich einem Liedtext von Johann Baptist Mayrhofer: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht.“ Die Projekte wissen, wovon ich rede. Sicherheit ist eine angenehme Sache, umso schlimmer, wenn sie bedroht wird von Extremisten, oder von Menschen, die sich nicht um ihre eigene Demokratie kümmern. Sicherheit ist ein hohes Gut. Aber warum jetzt Sicherheit? Wenn wir über Demokratieförderung reden und einen Demokratiepreis, dann bin ich heute gezwungen, über einen Preis in unsicheren Zeiten zu sprechen. Eine Zeit, in der die Demokratieprojekte und die Zivilgesellschaft Stürmen ausgesetzt sind, die sie selbst gar nicht erzeugt haben. Bevor ich dieses weiter ausführe und sie vielleicht erneut verunsichere, möchte ich aber erst einmal drei Gruppen loben und Ihnen alle Sicherheit in unserem Dank übermitteln.

Erstens danke ich den Stiftern, also der Amadeu Antonio Stiftung, der Freudenberg Stiftung und der Sebastian Cobler Stiftung. Sie leben nach einer vorbildlichen Weisheit in Zeiten, wo viel über Demokratie gesprochen wird: Alle reden über Demokratie, wir fördern Sie. Außerdem geben Sie recht viel Geld her, wie ich finde. Es mag leicht sein, weil man derzeit ja eh nicht genau weiß, wohin mit dem Geld, oder das Geld eh verschwindet, aber es ist ja auch weniger geworden.

Die Stiftungen haben es sich auch nicht leicht getan, als im letzten Jahr die Preisvergabe angezweifelt, kritisiert und angegriffen wurde. Der Preis 2010 war für einige Personen und Gruppen ein Stein des Anstoßes, der Kontroversen um die Frage des Umgangs mit dem Verdacht auf Extremismus; nicht des nachgewiesenen Extremismus. Dass die Stiftungen sich entschlossen haben, weiter zu machen und ihr Vertrauen in Projekte und ihre Arbeit ohne eine Beugung vor der Extremismusklausel weiter zu vergeben, ist beachtenswert. Bei allen entgegengesetzten Meinungen verdient das Vertrauen und die Investition in den Preis unsere Hochachtung. Insofern sollten wir auch auf die Stiftungen anstoßen, weil ihnen ein ideeller Demokratiepreis gebührt. Sie haben uns gezeigt, wie man mit demokratischen Mitteln aufrecht gehen kann. Ich kann nur alle Verteidiger der Extremismusklausel bitten, sich abzuregen, zu prüfen, anzuhören und die Meinung der Anderen zu hören. Die Entscheidung kann nicht in Stein gemeißelt sein. Gucken Sie insbesondere heute genau hin, wer hier für was gepriesen wird. Auch wenn es eventuell deprimierend ist, eine Maßnahme zurückzunehmen. Als Psychologe weiß ich, was bei Depression hilft: Zucker. Auch der ist heute vorhanden und zwar in Herr Klausels Extremis-Mus.

Zweitens danke ich allen, die sich beworben haben. Die Jury des Sächsischen Förderpreises war sehr beeindruckt von allen Bewerbern, und es gab nicht eine einzige Bewerbung, die die Ausschreibungskriterien nicht getroffen hat. Demokratie lebt von der Vielfalt, habe ich gelesen und das sagen wir sehr oft; auch empirische Studien zeigen das. Die Vielfalt ist durch die Bewerbungen um den Förderpreis gegeben. Ich glaube, genau diese Mischung an Ansätzen ist wichtig. Wir wissen, dass die Förderpraxis Wettbewerb erzeugt, der manchmal gut ist, um zu motivieren, aber lassen Sie sich in Ihrer Vielfalt nicht auseinander dividieren. Schon die Forschung der 1960er Jahre hat gezeigt, bei komplexen Problemen –herrje, jetzt bezeichnet der Redner die Demokratie schon als komplexes Problem –, also bei solchen Problemen wie die Demokratieförderung ist Kooperation notwendig, um kreative Lösungen zu finden. Wir brauchen die Mischung aus Demokratieprojekten, Anti-Rassismus- und Rechtsextremismusprojekten, Kultur-, Medien-, Wissenschafts- und Integrationsprojekten, die zusammen das fördern, was Demokratie braucht: Die Mitglieder der demokratischen Gemeinschaft schützen und unterstützen und demokratische Tugenden und Handlungen einüben.

Drittens danke ich allen, die heute hier sind. Wir sind gespannt, wer die Hauptpreise und die Anerkennungspreise bekommt. Jenseits aller materiellen Anerkennung, genießen Sie unsere ideelle Anerkennung für die Zeit, die Sie heute mitgebracht haben. Und allen, die keinen Preis bekommen, mag es tröstlich sein, dass ich auch keinen Preis bekomme. Mein letzter Preis war ein Seepferdchen, das ich erfolgreich im hohen Alter geschafft habe, wobei ich dafür eine Gebühr zahlen musste. Die Preise und die Feier heute sind gebührenfrei zu bekommen.

Ich komme nach diesem Dank zurück zu meinem eigentlichen Thema: „Die Demokratieförderung in unsicheren Zeiten“ und dachte mir, ich tue mal das, was ich sonst von Studierenden verlange. Ich wende gewissermaßen die Gleichwertigkeit, die ein Grundprinzip der Demokratie ist, auf mich selbst an. Was ich von den Studierenden gerne verlange, ist oft ein Thesenpapier. Also habe ich für die Laudatio über Thesen nachgedacht und sie aufgeschrieben. Das war nicht so einfach, wie ich dachte, weil ich in der Regel verlange, dass Thesen genau und wissenschaftlich fundiert sind. Sie sollten Kontroversen ansprechen, überprüfbar sein und für sie sollten Argumente und empirische Fakten sprechen. Ich musste erfahren, dass es viel einfacher ist, Thesen von anderen zu verlangen. Da ich das lange nicht geübt habe und viele Thesen in der Bahn schreiben musste, bitte ich mir krumme Thesen zu vergeben.

Meine Erste These lautet: Der Blick nach Sachsen macht drei Sorgen.

Sorge 1: Die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Sachsen ist weit verbreitet. Ich bin Mitglied in dem Forschungsprojekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, das von der Volkswagen-Stiftung, der Freudenberg-Stiftung und der Möllgard-Stiftung gefördert wird. Seit 10 Jahren beobachten wir die menschenfeindlichen und demokratischen Einstellungen, Meinungen und Verhaltensabsichten der BürgerInnen in Deutschland. Sie mögen das Projekt kennen durch eine Sonderauswertung für das Land Sachsen sowie eine Expertise der Menschenfeindlichkeit für die Stadt Dresden.

Was tut sich derzeit mit dem mit Blick auf Sachsen? Die Daten der Umfrage des Jahres 2010 zeigen alarmierende Zustimmungen zu vorurteilslastigen Meinungen unter den sächsischen Befragten. So stimmten z. B. 27% der Meinung zu, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland. 29% waren der Meinung, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland versagt werden, und 44% meinten sogar, die meisten Langzeitarbeitslosen sind nicht wirklich daran interessiert, einen Job zu finden. Ebenso meinten 37%, dass man bettelnde Obdachlose aus den Fußgängerzonen entfernen sollte. Das sind Zustimmungen zu einzelnen Meinung, die mit Vorsicht als menschenfeindlich zu beurteilen sind. Allerdings wird das Bild nicht besser, wenn wir uns menschenfeindliche Meinungen angucken, die aus einem Satz der Zustimmung zu negativen Äußerungen zustande kommen. Hier zeigt sich in Bezug auf den Rassismus in Sachsen: Platz 2 hinter Sachsen-Anhalt. Homophobie: Platz 2 hinter Bayern, Trend steigend. Fremdenfeindlichkeit: Platz 3 hinter Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern; Tendenz in allen fünf neuen Bundesländern steigend. Islamfeindlichkeit und Antisemitismus: Platz 5 hinter den anderen vier neuen Bundesländern. Aber schauen wir einmal auf die Abwertungen von Gruppen, die im Land stark vertreten sind: Platz 12 bei den Abwertungen von Langzeitarbeitslosen.

Es sieht also nicht so aus, als könnten wir uns entspannt zurücklehnen und darauf hoffen, dass die Welt in Sachsen immer besser wird. Ich kann nicht berichten, wie die Fakten aussehen würden, wenn wir keine Demokratieprojekte hätten. Das lässt sich nur aus einem Vergleich mit Regionen schließen, in denen wir keine Projekte haben. Das haben wir z.B. in Ungarn, und dort sieht es noch viel schlimmer aus. Wir können aber auch die Projekte, die heute hier sitzen danach bemessen, was wäre, wenn sie aufhören würden, zu arbeiten.

Demokratie ist nicht einfach da. Schlimmer noch. Sie ist in ständiger Gefahr durch eine Menschenfeindlichkeit angegriffen zu werden, die im Rechtsextremismus einen festen Halt hat, aber in der Mitte ein großes Reservoir aufweist. In diesem Reservoir finden wir nicht nur Stereotype und Vorurteile, die hartnäckig sind, sondern auch Neid, Missgunst und Intoleranz wie Unwissen und Leichtgläubigkeit.

Sorge 2: Der menschenfeindliche Extremismus ist so gefährlich, weil er einsickert. Wir haben mit unsere Daten ermittelt, dass in den Gegenden in denen rechtsextreme Parteien über die 5%-Hürde kommen, Bürger, die sie selbst nicht wählen würden, menschenfeindlicher sind und eher meinen, die NPD sei eine normale Partei, wie andere auch. Es ist die schleichende Normalisierung der Intoleranz, die die Vorurteile befördert und genau gegen diese schleichende Intoleranz arbeiten jene Projekte, die heute für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie nominiert sind.

Sorge 3: Auch der Populismus und ein neuer Nationalismus, der gerade in Krisenzeiten an die nationalen Interessen appelliert, gefährden derzeit in Deutschland den Respekt vor Minderheiten und schwachen Gruppen. Die Projektarbeit für die Demokratie wird gegenwärtig und in Zukunft leider schwieriger und deshalb muss man den Projekten nicht nur Respekt zollen, sondern ihnen auch Kohle geben, um über den Winter zu kommen.

Zweite These: Die bundesrepublikanische Gesellschaft steht vor der schwierigen Aufgabe den Wandel der Gesellschaft nicht antidemokratischen Tendenzen zu opfern.

Mit dem Blick auf den Deutschen Zustand 2011 und natürlich – da kommen wir nicht drum herum – die Krisen und schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen vieler Menschen, müssen wir eine Reihe von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen beobachten, die zwar helfen, weiter Fördermittel für Demokratieprojekte zu beantragen, ihnen aber auch ganz schön Probleme bereiten. Mit Blick auf die Frage, wieviel wir für demokratische Verhältnisse tun möchten, vielleicht auch nur in unserem kleinen lokalen Stadtteil, beobachten wir Prozesse, die die Arbeit für die Demokratie erschweren.

Es gibt eine massive Entpolitisierung bei vielen Menschen. Das sehen wir auch in den Daten, gerade in den Gruppen, die ökonomisch schlechter gestellt sind als andere. Es hat natürlich Gründe, warum eine Distanzierung von Politik verständlich ist. Der Druck auf eine so genannte „Ökonomisierung des Sozialen“ wächst. Es sprechen einigen Studien dafür, dass die Gesellschaft immer stärker ihre Mitglieder nur noch nach ihrer Leistung bemißt, Institutionen gerankt werden, wir bald überall Studierende nach ihrem Numerus Clausus bewerten, und Vertrauen gegen Kontrolle tauschen, Managementsysteme einbauen, die nach knallharten Kriterien die Zufriedenheit ermitteln usw. usw. Es ist nur ein müder Ausdruck solcher Prozesse, wenn ein ehemaliger Bundesbänker dieses Gesetz auf Menschen mit Migrationshintergrund anwendet.
Es mag daher auch nicht von ungefähr kommen, dass in der anstehenden Weihnachtszeit drei Nüsse für Aschenbrödel von mehr Menschen wahrgenommen wird als eine Weihnachtsansprache. „Die Guten ins Töpfchen, die ….“ – Sie wissen, wie es weitergeht. Das eine mag ein gutes Märchen sein und die Realität manchmal ein schlechtes Märchen, aber Aschenbrödel ist kein Vorbild. Am Ende wird sie ja zur Repräsentantin der Monarchie. Demokratie darf nicht nur dann attraktiv sein, wenn sie „was nutzt“, „nix kostet“, oder wir damit „was verdienen können“.

Neben der Entpolitisierung stellen wir eine massive Entsolidarisierung unter den BürgerInnen fest, die sich darauf beruft, dass wir uns im Moment Unterstützung nicht leisten können.

Ein dritter Prozess prägt die Zeiten von sozialen und wirtschaftlichem Druck und einer voranschreitenden Vereinzelung. Wenn wir keine Zeit mehr haben und Verantwortungsübernahme schwindet, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir in Notfällen anderen auch weniger helfen. Die Zivilcourage wird erschwert. Die anderen mögen es richten, wir müssen Karriere machen.

Dritte These: Wenn ein Land wie Deutschland die Demokratie stärken möchte, dann sollte es die Meinung anderer einholen, weil wir oft die eigenen Probleme gar nicht sehen können. Europa ist leider keine Hilfe, sondern das Problem selbst.

In unserer Studie zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Europa sehen wir, dass die europäische Identifikation nicht die Menschenfeindlichkeit behindert. Umso wichtiger scheint der lokaler Raum zu sein, und er wird nun auch immer bedeutsamer in der Projektförderung. Aber dieser Lokalismus alleine hilft nicht. Auf den Websites der nominierten Projekte findet sich genau dieser Gedanke: Was wir hier sehen, hat eine Geschichte und ist eingebettet in umfassendere gesellschaftliche Veränderungen. Die Projekte verweisen auf die historische und gesellschaftliche Bedingtheit der Probleme vor Ort, und sie brauchen einen Ort auf den sich ihr Ort beziehen kann.

Hier müssen in Europa stärkere und viel engagiertere Bemühungen vorgenommen werden, Regionen zu stärken und Ihnen ein Netzwerk zur Einbettung zu geben. Im lokalen Raum verdichten sich globale Probleme, wie die Abwanderung von bildungsstarken Gruppen. Die Konzentration und Belastung des lokalen Raumes, die eigenen Probleme selbst zu lösen, kann auf die Dauer nicht helfen.

Vierte These: Die Demokratie wird mir heute zu schnell als Problemkind etikettiert.

Mit dem Blick auf einen Förderpreis für Demokratie ist es erstaunlich, wie viele Talkshows mit welch rasender Geschwindigkeit derzeit die Frage diskutieren, ob die Demokratie – siehe Griechenland – der Ökonomie nicht im Wege steht, oder zu wenig im Wege steht und daher fragwürdig oder gar nicht funktionsfähig sei. Bei der Lektüre mancher Äußerung von politischen oder kulturellen Repräsentanten der Elite zum Ende der Demokratie bekommt man fast den Eindruck, als wenn die Extremismusklausel an die falschen Leute versendet wird. Das geht mir im Moment zu schnell. Die Beschleunigung der Verhältnisse sollte wenigstens vor der Infragestellung demokratischer Grundprinzipien ordentlich gebremst werden.

Fünfte These – das ist jetzt eine „Hammerthese“: Wir brauchen mehr Demokratie!

Es liegt mir als Wissenschaftler fern, bestimmte politische Positionen besonders hervorzuheben, aber mit Blick auf den Förderpreis für Demokratie und mit dem Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen erinnern wir uns an die Erklärung der Bundesregierung vom 28. Oktober 1969, mit der der damalige Bundeskanzler das Credo ausrief: „Mehr Demokratie wagen.“ Der Appell erging an den Bundestag, an die Abgeordneten und die politischen Institutionen. Es ging um die Defizite der Partizipation der Bürger an der Demokratie. Zwar ist das auch 42 Jahre später wieder ein großes Thema, aber das erstaunt nicht. Demokratie muss immer nach mehr Partizipation rufen, weil sie nicht bleiben muss, wenn sie mal da ist, zumal sie anstrengend ist.

Heute sollte aber das Credo meines Erachtens anders lauten: Mehr der Demokratie vertrauen. Wagen muss man sie immer. Zur Disposition stellen, oder sie zu institutionalisieren und zu kontrollieren, ist einfach. Auch Geld verteilen, abziehen oder ausleihen ist relativ einfach im Vergleich zu dem Vorhaben, demokratische Verhältnisse zu schaffen, die gleichwertige Lebensbedingungen, Teilhabe und Identität sichern und schützen.

Ich mach es mal simpel. Es ist einfach, einem Kind oder Jugendlichen 10 Euro zu geben, damit es mal einen Ausflug in eine Gedenkstätte macht. Es ist unbezahlbar, mit Kindern oder Jugendlichen, die harte Thesen vertreten, darüber zu streiten, warum die Vertreibung und Vernichtung von Menschen keine Lösung ist. Es ist anstrengend, kontroverse oder gar dumpfe Meinungen auzuhalten und wir können uns Meinungen begrenzt erkaufen. Wir müssen uns was wagen, aber noch viel mehr verschenken wir im Moment im hohen Ausmaß Vertrauen. Gesellschaftliche Spannungen, Krisen, die Spaltung in arm und reich, Land und Stadt, und viele Konflikte zwischen Gruppen rütteln am Vertrauen.

Sechste These: Ich sollte aufhören, eine Mittwochsrede zu halten, sondern auf Demokratieprojekte gucken. Das sind Zukunftsmodelle.

Und genau an dieser Stelle können wir uns zumindest heute am Nachmittag in Dresden und mit der Erinnerung an den 9. November 1938 etwas entspannen und das Vertrauen wachsen lassen. Hier werden Projekte gefördert, denen wir Demokratie zutrauen, weil sie die Demokratie gewagt haben und wagen. Und viel mehr noch. Ich bin der Meinung, dass gute Demokratieprojekte sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie mehr als nur Vertrauen in die Demokratie produzieren. Sie sind dann gut, wenn sie die Kernnormen aufrechterhalten und wenn sie es schaffen, die Mitglieder der Zivilgesellschaft in ihren fünf wesentlichen Bedürfnissen abzuholen und dadurch an demokratische Werte und Normen zu binden. Vertrauen ist ein Motiv, Zugehörigkeit ist ein weiteres Motiv. Anerkennung verschaffen, aber auch mit Menschen die Demokratie zu teilen und ihnen Einfluss und Kontrolle zu verschaffen, sind weitere Bedürfnisse, die Menschen haben und um die sich die nominierten Projekte so kümmern, dass die Menschen nicht von Extremisten abgeholt werden. Genau das zeichnet die nominierten Projekte für mich aus und daher sind sie in diesen stürmischen Zeiten des Jahres 2011 preiswürdig.

Gehen wir die Liste der Nominierten einmal durch, dann wird das leicht erkennbar. Die Projekte verschaffen Zugehörigkeit und Integration. Gucken sie genauer auf die AG Asylsuchende Sächsische Schweiz-Osterzgebirge oder die AG Asylsuchende aus Pirna. Danke, dass Sie sich um jene kümmern, die in Zukunft noch viel stärker in unser Land kommen und Integrationshilfe brauchen. Sie bilden, handeln pädagogisch und helfen, Integration und Anerkennung zu erzielen, wie auch die RAA Hoyerswerda, die seit Jahren verlässliche Arbeit leistet.

Die Projekte öffnen die Augen der BürgerInnen und stärken das Verstehen von politischen Sachverhalten in einer lokalen Zivilgesellschaft, die sich zurückzieht und die Fensterläden schließt. Sie helfen der Integration der Mehrheitsgesellschaft, die gegen sie operiert, wie die Initiative Augen auf e.V. Oberlausitz. Und sie tun dies mit den Mitteln der kreativen und kulturell leichten Demokratiearbeit wie die Initiative Bunter Schall als Widerhall in Vierkirchen. Wir danken für ihre Arbeit, auch und gerade weil sie jene BürgerInnen vor Ort irritieren und verunsichern, die sich aus der Beteiligung an der Demokratie zurückziehen.

Sie sind unermüdlich und weisen auf die Probleme vor Ort wie der Initiatorenkreis Riesaer Bürgerbündnis – Demokratie heißt Hinsehen und Gesicht zeigen! Sie kämpfen ohne Rast gegen die unterschiedlichsten Formen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und ihnen steht wie all den anderen eine Nominierung für einen Demokratiepreis gut zu Gesicht.

Die Projekte beschützen uns vor der Propaganda und den Angriffen der Rechtsextremisten sowie der Intoleranz der Bürgergesellschaft, wie das Bunte Bürgerforum für Demokratie Limbach-Oberfohna oder die Initiative Bündnis für Demokratie und Toleranz der Zwickauer Region. Es ist beachtlich, dass sie sich trotz des so einfachen Vorwurfs der Nestbeschmutzung nicht in der kleinbürgerlichen Gemütlichkeit der Unrechtstoleranz einnisten. Ähnlich gilt das für die AG Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen in Dresden, die mit ihren konsistenten Mahnwachen die Alltäglichkeit durchbrechen, gerade da, wo die Menschen im Shopping ihre Zivilität leicht vergessen.
Sie verschaffen uns ein Gedächtnis und eine Basis mit Fakten und Wissen unsere Projekte zu gestalten und den Blick auf historische Veränderungen zu schärfen, wie Chronik LE. Danke für die Informationsplattform, die wir alle nutzen dürfen.

Schließlich machen sie uns glücklich und lassen uns lachen, weil sie die Kreativität fördern, wo es eigentlich nichts zum Lachen gibt, wie die Firma Klausel, die das Extremis-Mus produziert und Vieles andere. Ein Demokratie-Projekt, das uns zum Lachen bringt, ist doch allemal freundlicher als eine lächerliche rechtsextreme Propaganda.

Sie alle arbeiten für uns, weil sie die demokratische Verfasstheit unserer Gemeinschaft stärken, indem sie Zugehörigkeit schaffen, uns die politischen und sozialen Verhältnisse besser verstehen lassen, uns Einfluss geben, Anerkennung bringen und Vertrauen erzeugen, wo das Gegenteil von dem allen in unserem kleinen lokalen Raum einzieht.

Ich komme damit zur letzten These, die die Siebente ist. Mit Blick auf die BewerberInnen aus den krichlichen Kreisen musste es auf eine siebente These hinauslaufen.

Siebte These: Der Demokratiepreis zeigt, wie es gehen kann und weil er das tut, können wir von Sachsen lernen. Nicht allen Sachsen, aber diesen Sachsen können wir vertrauen.

Der Preis fällt fast zusammen mit dem Datum, den die UN ausgerufen hat, um den 7 Milliardsten Menschen zu begrüßen. Erst vor 12 Jahren wurde das bosnische Kind Adna Mevic in Sarajevo auserkoren. Es lebt heute in bescheidenen Verhältnissen. Jetzt wird das Kind von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nicht mehr benannt. Statt dessen gab der Generalsekretär der Vereinten Nationen uns eine Mahnung auf den Weg. Unsummen würden ausgegeben für Waffen, um Menschen zu töten anstatt sie zu beschützen. Er meinte: „Unsere Welt ist geprägt durch schreckliche Widersprüche.“ Es geht darum, die Widersprüche ernst zu nehmen und zu versuchen, sie so zu lösen, dass andere nicht ausgeschlossen werden. Die Projekte, die sich um den Sächsischen Förderpreis für Demokratie bewerben, sind ständig mit diesen Widersprüchen konfrontiert. Danke für die Geduld und den Mut, sie auszuhalten und Kontroversen nicht zu scheuen.
Wie hieß es noch am Anfang in der Liedzeile: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht!“ Was ist schon sicher, mögen wir fragen? Ich hoffe, der Sächsische Förderpreis für Demokratie. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf die Verleihung der Preise.

Dresden, den 9.11.2011