Sächsischer Förderpreis für Demokratie / Die Nominierten 2010 / Antidiskriminierungsbüro e.V., Leipzig

Antidiskriminierungsbüro e.V., Leipzig


Auf seiner Reise durch Deutschland machte der UN-Sonderberichterstatter zu Rassismus, Prof. Githu Mugai, im Juni 2009 auch in Sachsen Station. Dabei stellte er fest, dass das staatliche und zivilgesellschaftliche Augenmerk sich auf die Bedrohung durch rechtsextreme Einstellungen und Gruppierungen richte, jedoch das Problem des Alltagsrassismus vernachlässige. Dieser sei in vielen Teilen der Gesellschaft, etwa im Bildungsbereich, auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und in den Behörden weit verbreitet und ein Problem gerade auch der „Mitte“ der Gesellschaft und nicht nur, wie oftmals angenommen, eines derer, die sich am rechten Rand der Gesellschaft bewegen und mit denen man nichts zu tun hat.

Eine Initiative, die sich in vorbildlicher Weise gegen diesen Missstand richtet, ist das Antidiskriminierungsbüro in Leipzig, das sich als Beratungs-, Bildungs- und Informationsstelle gegen die Ausgrenzung und Benachteiligung von Menschen engagiert, die wegen Herkunft oder rassistischer Zuschreibung, Religion, Behinderung, Lebensalter, Geschlecht oder sexueller Orientierung diskriminiert werden. Seit nunmehr fünf Jahren stellt das Antidiskriminierungsbüro die erste und einzige Anlaufstelle dieser Art in Ostdeutschland dar. „Durch die Beratung Betroffener, die Qualifizierung von Erzieherinnen und Erziehern oder die Sensibilisierung von Unternehmen und der Öffentlichkeit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Etablierung einer Antidiskriminierungskultur, die wichtiger Bestandteil einer demokratischen Alltagskultur ist“, erklärt Mitarbeiterin Iris Fischer-Bach. Oft machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Antidiskriminierungsbüros die Erfahrung, dass das Thema Diskriminierung totgeschwiegen, relativiert oder tabuisiert wird. „Diskriminierung? Bei uns?!“ oder „Wollen Sie uns etwa Rassismus vorwerfen?!“ sind häufig anzutreffende reflexhafte Abwehrreaktionen. Doch abseits solcher Reflexe sind Diskriminierungen sehr real. Im vergangenen Jahr etwa betreute das Antidiskriminierungsbüro mehr als hundert Einzelfälle und Monat für Monat bis zu 80 Anfragen. Die Dunkelziffer dürfte allerdings um ein Vielfaches höher sein. In der öffentlichen Diskussion werden dabei – wenn überhaupt – solche Fälle wahrgenommen, in denen physische Gewalt im Spiel war. „Es sind aber die täglichen, kleinen Schläge, die direkt unter die Haut gehen“, erklärte einmal eine Klientin den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Antidiskriminierungsbüros und verdeutlichte damit den Standpunkt vieler Betroffener. „Diskriminierung ist kein Minderheitenproblem, sondern eines der Mehrheitsgesellschaft“, stellt Fischer-Bach treffend fest. „Dies müssen wir im Blick haben und von dieser Einsicht ausgehend auf die gesellschaftlichen Strukturen und die einzelnen Menschen einwirken.“

Ralf Suermann, Vorstand der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank und Mitglied der Jury 2010