Sächsischer Förderpreis für Demokratie / Die Nominierten 2010 / Huflattich e.V., Venusberg/Chemnitz

Huflattich e.V., Venusberg/Chemnitz


„Die Leute hier wollen sich in nichts reinziehen lassen. Nachher brennt es noch bei ihnen selber. Lieber keinen Ärger“, so äußerte sich ein Polizeibeamter gegenüber Daniela Bittner vom Kinder- und Jugendhilfswerk Huflattich e.V. nach dem letzten Anschlag auf das Vereinsgelände im ländlichen Venusberg, für den sich mal wieder kein Zeuge finden ließ. Es war nicht der erste Anschlag auf den Verein, der sich dadurch ins Visier der Rechtsextremisten befördert, dass er interkulturelle Angebote für Kinder und Jugendliche schafft und rechte Jugendliche bei ihrem Ausstieg aus der Szene unterstützt. In der Vergangenheit wurden eine Grillstation und Baumhäuser zerstört, das Außengelände durch zerbrochene Flaschen unbenutzbar gemacht und zuletzt das gesamte Bauholzlager, das zuvor in monatelanger Arbeit zusammengetragen worden war, abgebrannt.

Und doch lassen sich die knapp dreißig Engagierten in ihrem Kampf gegen die örtliche rechtsextreme Dominanz nicht entmutigen. „Lieber keinen Ärger“ – diesen Satz lassen sie nicht gelten. Allen Widrigkeiten zum Trotz steht der Verein seit nunmehr sieben Jahren den Kindern und Jugendlichen vor Ort offen, um ihnen auf spielerische Weise Gleichwertigkeit und Teilhabe zu vermitteln. Viele von ihnen stammen aus sozial benachteiligten Familien und einige haben es aufgrund rassistischer Zuschreibungen besonders schwer in der ländlichen Umgebung des Erzgebirges – ihnen will der Verein als Anlaufstelle dienen. Ob nun bei gemeinsamen Aktivitäten auf dem Natur- und Tierhof, in der Werkstatt oder beim offenen Treff – stets wird auf den gemeinschaftlichen und toleranten Umgang untereinander geachtet. „Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Förderung unserer Kinder und Jugendlichen durch Angebote, die ihrer Individualität und Vielfältigkeit gerecht werden. Nur auf diese Weise können wir sie auf Ihrem Entwicklungsweg begleiten und damit aktiv gegen rechtsextreme und rassistische Tendenzen arbeiten. Hierin liegt unsere Verantwortung für die Zukunft“, so Bittner. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten auch einige Aussteiger aus der rechten Szene, die sich trotz der Bedrohungen und Übergriffe ehemaliger „Kameraden“, engagiert einbringen und wertvolle Aufklärungsarbeit leisten.

Im Jahr 2005 konnte der Verein eine Zweigstelle in Chemnitz einweihen. Seitdem ermöglicht ein regelmäßiger Jugendaustausch zwischen Stadt und Land das Kennenlernen anderer Lebenswelten und öffnet neue Perspektiven. Mit Hilfe der muslimischen Gemeinde in Chemnitz konnten beispielsweise interkulturelle Jugendbegegnungen organisiert und Berührungsängste abgebaut werden. „In unseren Projekten fließt sehr viel Herzblut“, bekräftigt Bittner. „Es ist uns ein großes Anliegen, weiter an deren Nachhaltigkeit zu arbeiten. Einen ungewöhnlichen, offenen Ort zu schaffen, an dem Kinder und Jugendliche vorurteilsfrei und aufgeschlossen einander begegnen und ein demokratisches Miteinander pflegen – das ist eine unserer Visionen für ein toleranteres Umfeld vor Ort.“

Dr. Dorothee Freudenberg, Mitglied des Kuratoriums der Freudenberg Stiftung und Mitglied der Jury 2010