Eine Aufführung des Vereins Theater Macher: Eine von zahlreichen Veranstaltungen im Kultur- und BürgerInnenzentrum in Wurzen.

Viele demokratische Ideen unter einem Dach


Das Netzwerk für Demokratische Kultur in Wurzen ist eine von insgesamt drei Initiativen, die 2007 mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet wurden. Das Preisgeld benötigen die „Netzwerker“ dringend – denn die Renovierungsarbeiten am Kultur- und BürgerInnenzentrum sind Voraussetzung dafür, dass der Treffpunkt für demokratisch orientierte Menschen in Wurzen weiterhin gute Arbeit leisten kann.


Das Kultur- und BürgerInnenzentrum des Wurzener Netzwerks für Demokratische Kultur funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Es ist ein Zentrum für all diejenigen Menschen, die sich an demokratischen Werten orientieren und die im Ort etwas verändern möchten. An das Kulturzentrum kann man sich wenden, um entweder eine eigene Projektidee mit Gleichgesinnten in die Tat umzusetzen, oder einfach um an den unterschiedlichsten Freizeitangeboten teilzunehmen. Vorgaben macht das Netzwerk für Demokratische Kultur keine – unerwünscht sind einzig und allein rassistische und rechtsextreme Einstellungen. Und die sind nach wie vor weit verbreitet in Wurzen und Umgebung. Der große Unterschied zu 1999, dem Gründungsjahr der Initiative: Inzwischen ist das Kultur- und BürgerInnenzentrum ein fester Bestandteil im kulturellen Leben der Stadt. Die Neonazis wissen, dass ihnen das Feld nicht überlassen wird.

Das war nicht immer so: Die heutige Situation ist das Ergebnis harter Arbeit. Anfangs fühlten sich die Engagierten aus Wurzen oft allein gelassen mit ihrer Projektidee. Ein eigenes Demokratiezentrum sollte entstehen. Die „Netzwerker“ hatten mit großen Widerständen zu kämpfen, denn damals dominierten rechtsextrem orientierte Jugendliche alle öffentlichen Räume im Ort. Als das Netzwerk im Dezember 1999 seine größtenteils ehrenamtliche Arbeit begann, galten seine Mitglieder noch als Unruhestifter und Nestbeschmutzer. Den Verantwortlichen wäre es lieber gewesen, man hätte einen Mantel des Schweigens über die zahlreichen rechtsextremen Vorfälle gelegt, mit denen Wurzen immer wieder in die Schlagzeilen geriet. Doch die Mitglieder des NDK ließen sich nicht einschüchtern und sprachen das Problem offen an. In mühevoller ehrenamtlicher Arbeit begannen sie mit dem Aufbau demokratischer Kultur in ihrem Ort – in Form eines Kulturzentrums.

Ständig steigende Nachfrage

Sie fingen an, Pläne zu schmieden und Ideen zu entwickeln, es entstanden erste Kontakte zu lokalen Partnern und Unterstützern. Eine Spendenaktion der Wochenzeitung DIE ZEIT brachte 2002 die entscheidende Wende: insgesamt 51.000 Euro kamen damals zusammen und ermöglichten den Kauf eines Spätrenaissance-Gebäudes am Domplatz. Doch obwohl sich durch das mutige Engagement des Vereins vieles im Ort zum Positiven verändert hat - rechtsextremes Denken und Auftreten ist unter Jugendlichen in Wurzen nach wie vor verbreitet.

Das vierstöckige Gebäude am Domplatz im Zentrum der 15.000-Einwohner-Stadt Wurzen ist nach vielen Jahren Renovierungsarbeit immer noch eine Baustelle, doch es tut sich etwas: Inzwischen sind das Erdgeschoss und das erste Stockwerk ausgebaut. 2008 wird ein neues Nutzungskonzept für alle Etagen festgelegt, doch bevor mit der Einrichtung der Räume begonnen werden kann, müssen wichtige Renovierungsarbeiten am Dach und an der Fassade abgeschlossen sein. „Wir haben uns riesig über den Sächsischen Förderpreis gefreut, denn das zeigt uns, wie wichtig unsere Arbeit für Wurzen und die Region ist“, berichtet Melanie Haller, Projekt- und Vereinsmanagerin. Und das Geld wird dringend benötigt, denn die Nachfrage nach Angeboten steigt ständig. Die Initiative hat von der Stadt zusätzliche Sanierungsmittel beantragt, um das große Vorhaben bewältigen zu können.

Glückwünsche vom Landrat

Es gibt neue Projektideen für 2008: Aus aktuellem Anlass hat das NDK ein Kunstprojekt ins Leben gerufen, das sich im Vorfeld der Kommunalwahlen in Sachsen unter dem Motto „Ich wähle“ mit den Themen Mitbestimmung und Bürgerbeteiligung auseinandersetzt. Ein weiteres neues Projekt ist der touristische „Ringelnatz-Pfad“, an dem sich viele unterschiedliche Menschen beteiligen – denn Wurzen ist die Geburtsstadt des Dichters und Schriftstellers Joachim Ringelnatz. Für junge Leute interessant ist eine geplante Begegnung zwischen rumänischen, polnischen und deutschen Jugendlichen. Aber auch das bestehende Freizeitangebot soll weitergeführt und ausgebaut werden: Beispielsweise die Technoveranstaltungen, die 2007 zum ersten Mal stattfanden. Sie waren ein so großer Erfolg, dass sie auch in diesem Jahr ein fester Bestandteil des Angebotes sind.

Melanie Haller beobachtet, dass sich die Zusammenarbeit im Rahmen des Lokalen Aktionsplans erheblich verbessert hat und bemerkt vorsichtig optimistisch: „Wir haben das Gefühl, dass wir als Partner endlich ernst genommen werden“. Nach der Verleihung des Sächsischen Förderpreis für Demokratie hat der Landrat Gerhard Gey dem Netzwerk zur verdienten Auszeichnung gratuliert.


Jan Schwab