Die Preisträger 2010


• Bürger.Courage e.V.


„Wir träumen davon, dass sich Bürger.Courage auflöst, weil Engagement und ‚Gesichtzeigen’ für Demokratie und gegen Rechts zu Dresdner Selbstverständlichkeiten geworden sind.“ Diese Vision, nachzulesen auf der Internetseite des Vereins Bürger.Courage e.V., ist es, die seine Mitglieder und Macher immer wieder antreibt und in ihrem Engagement nicht müde werden lässt. Mit bewusst niederschwellig angesetzten, kreativen und vor allem öffentlichkeitswirksamen Aktionen sollen die Dresdner Bürger immer wieder aufgerüttelt, erinnert und zum Nachdenken angeregt werden.

Alltagsrassismus, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und antidemokratisches Gedankengut sind die inhaltlichen Schwerpunkte, mit denen sich der Verein aktiv und kreativ auseinandersetzt.

Seit fünf Jahren arbeitet Bürger.Courage völlig ehrenamtlich als überparteiliche Bürgerinitiative für Demokratie. Ziel ist es, vor allem auch die „bürgerliche Mitte“ zu sensibilisieren und zu mobilisieren, erklärt Christian Demuth, Vorsitzender des Vereins. Auf der Suche nach neuen Partnern, interessierten Einzelpersonen, städtischen Akteuren oder Unternehmen erhielt der Verein viele positive Reaktionen, aber mitunter auch erschreckende Antworten, weiß Demuth zu berichten: „Auf eine Anfrage an ein großes Dresdner Unternehmen, ob es an einer Aktion für Demokratie teilnehmen wolle, erhielten wir eine Absage. Die Gründe lauteten damals: Erstens sei eine solche Aktion für Demokratie parteilich, das Unternehmen jedoch eine neutrale Institution. Und zweitens dürfe man nicht mitwirken, weil man sonst Andersdenkende diskriminiere und provoziere.“

Mittlerweile kann der Verein jedoch auf eine lange Liste erfolgreich umgesetzter Projekte im öffentlichen Raum zurückblicken. Die dabei sichtbar gewordene Professionalität, hat Bürger.Courage e.V. und seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern nicht nur einen guten Ruf beschert, sondern schafft auch neue Zugänge und Verbindungen. So konnten sowohl die Dresdner Verkehrsbetriebe als auch Dynamo Dresden vom Ansatz und den Ideen des Bürger.Courage e.V. überzeugt und als Kooperationspartner gewonnen werden.

Dennoch bleibt die eigene Auflösung vorerst eine Vision. Das zeigt auch das aktuelle Projekt der „18 Stiche“, welches aufsehenerregend ein Jahr nach dem rassistischen Mord an Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 im Landgericht Dresden startete. 18 stilisierte Betonmesser wurden über das Dresdner Stadtgebiet verteilt – eins für jeden Messerstich, den Marwa El-Sherbini hatte erleiden müssen. Die Betonmesser sollten aber nicht nur an den grausamen Mord erinnern, sondern auch an den oft kaum wahrnehmbaren und doch unerträglichen Alltagsrassismus. Stellvertretend für die kleinen und großen „Stiche“, die zahlreiche Menschen in unserer Gesellschaft aufgrund ihrer vermeintlichen Andersartigkeit Tag für Tag erleiden müssen, ragten die Betonmesser aus dem Dresdner Boden. Die ständigen Verletzungen, die diese Mitbürgerinnen und Mitbürger erleiden müssen, wurden auf diese Weise nicht nur sichtbar, sondern auch zum Gesprächsthema – weit über die Grenzen Dresdens hinaus.

Dr. Michael Wilhelm, Staatssekretär im Sächsischen Staatsministerium des Innen
 



• AKuBiZ e.V.
(Der Preis wurde abgelehnt, da die Annahme zu einer Unterschrift unter die Extremismusklausel verpflichtete)

Pirna – das Tor zur Sächsischen Schweiz. Hier wurde im Herbst 2001 das Alternative Kultur- und Bildungszentrum, oder kurz: AKuBiZ, gegründet – ein Verein, der es sich zum Ziel gemacht hat, sich aktiv mit den Themen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus auseinanderzusetzen. „Etwa zwanzig junge Menschen wollten damals helfen eine demokratische Kulturarbeit zu leisten und so rechte Alltagskultur und den anhaltenden Naziterror zurückzudrängen“, so Steffen Richter, der Vorsitzende des Vereins. Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit stellt seitdem das zentrale Element der Vereinsaktivitäten dar, die auf vielfältige Weise umgesetzt wird – etwa durch Zeitzeugengespräche, Vorträge, den „Antirassistischen Fußball-Cup“ oder auch durch den überaus erfolgreichen Comic „Jetzt reicht’s in Sachsnitz“, der junge Menschen schon früh auf rechtsextreme Bedrohungen aufmerksam macht. Auch die Ausstellung über rechtsextreme Kultur, Ideologien und Strukturen, „Rechts rockt Sachsen“ erwies sich als außerordentlich wirksam, war sie doch in den vergangenen vier Jahren an über 30 Orten, zumeist Schulen und Jugendklubs, zu sehen, wo sie viele Menschen erreichte. „Uns ist es wichtig Inhalte zu transportieren und als Partner für Analysen oder Diskussionen wahrgenommen zu werden“, erklärt Richter. „Und die vielen Anfragen zeigen die Wichtigkeit dieser Ausstellung, die in ihrer Art einmalig in Sachsen ist.“

Doch was bedeutet es eigentlich in der Sächsischen Schweiz gegen Rechtsextremismus aktiv zu werden? Ein kurzer Rückblick in das Jahr 2001, als das AKuBiZ gegründet wurde, genügt, um beispielhaft die Problematik zu verdeutlichen: Damals wurde die neonazistische Kameradschaft „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) vom sächsischen Innenministerium verboten, nachdem Hausdurchsuchungen bei Mitgliedern der SSS neben Propagandamaterial auch Waffen, Munition und Sprengstoff zu Tage gefördert hatten. In der Verbotsbegründung hieß es unter anderem, dass die Kameradschaft Straftaten zur Umsetzung ihrer politischen Ziele ausgeführt und Informationen über politisch Andersdenkende gesammelt und zu deren Verfolgung aufgerufen habe.

Auch das AKuBiZ und seine ehrenamtlich tätigen Vereinsmitglieder haben in den knapp zehn Jahren des Bestehens schon häufig Erfahrungen mit Übergriffen machen müssen, so wurde etwa in diesem Frühjahr das Auto des ehemaligen Vereinsvorsitzenden abgebrannt. Für Menschen, die sich aktiv für Demokratie und Gleichwertigkeit einsetzen, ist die Sächsische Schweiz nach wie vor eine gefährliche Region. Und doch stellt Richter zusammenfassend fest: „Wir werden uns nicht einschüchtern lassen und weiter für humanistische Werte streiten. Für uns sind die Reaktionen der Neonazis ein Zeichen, dass wir mit der Arbeit genau in die richtige Richtung gehen.“ – Solche Menschen gilt es mit dem Sächsischen Förderpreis zu würdigen und zu unterstützen!

Dr. Pia Gerber, Geschäftsführerin der Freudenberg Stiftung