Die Laudatio Sonia Mikichs - Teil 2


Verehrtes Publikum, wir sind angekommen bei einem Wort, das zu den bedrohten Arten gehört: Haltung. Wie entsteht eine demokratische Haltung? Ist sie Produkt der Prägung durch Elternhaus und Schule? Da könnte man pessimistisch werden...

Lernt man sie durch die Medien? Alles Mögliche lernt man da in der Casting- und Konkurrenzideologie, die sich wie Mehltau ausgebreitet hat, nur nicht demokratisches Engagement. Wer im Fernsehen zum Beispiel über Werte, Haltung, Gesellschaftskritik etwas sagen will, hat oft das Etikett "Gutmensch" weg – und das ist zutiefst verächtlich gemeint, der Mainstream "trägt" nicht Haltung.

Aber Demokratie ohne Demokraten verfault von innen. Es wäre lohnenswert, die Engagierten, also Sie, einmal zu befragen, wie es anfing mit der Haltung. Wie dieser allererste Ruck passierte. Das könnte trösten angesichts der Vielen im Land, die in einer Art Duldungsstarre leben.

Ich beobachte bei meiner Arbeit, dass Alltagserlebnisse gepaart mit gesundem Menschenverstand, die Nähe zu anderen, die ähnlich ticken und vielleicht noch eine Stimmung in der Öffentlichkeit – dass diese Mixtur Bereitschaft zum Engagement heranreifen lässt. Einer der erfreulichsten Sendungen, die ich verantworten durfte, handelte von Demokratie, Politikverdrossenheit. Ich lernte, dass junge Menschen zwar den Parteien leider fernstehen, sich aber gern ehrenamtlich engagieren. Und zwar sehr viel stärker als die über 65-Jährigen. Die Statistiken machen richtig Hoffnung; Haltung ist "cool".

Und so ist auch dieser Preis "cool" und frisch. Er strahlt auf die einsamen Nischen von gesellschaftlichem Engagement. Eben nicht auf die Lauten, die Prominenten, die Medienlieblinge. Sondern auf die, die sich als Alternative zur Gleichgültigkeit verstehen. Wie gut das zum 9.November passt!

Die heute Auszuzeichnenden sind im besten Sinne "Stören-Friede" und das ist ein gutes Wort. Denn es gibt keinen anständigeren Platz als den des Störenfrieds, der der Trägheit, der Konformität widersteht. Projekte wie Ihre trauen sich, die dunkle Seite der Demokratie auszuleuchten. Auszusprechen, was gut und klug wäre für das Zusammenleben der Menschen. Frieden, Freiheit, Vernunft und Zivilgesellschaft bedingen und beflügeln einander.

Ach, Zivilgesellschaft. Sonntagsredner haben aus einem guten Wort eine inflationäre Vokabel gemacht. Ich beschränke mich darum darauf, aufzuzählen, was Zivilgesellschaft hier und heute an diesem Ort leistet.

Bei den Vorbereitungen fiel mir auf, wie sich – zu recht – viele Projekte mit ihrer gesamten Arbeit bewarben. Um das dicke Brett der Gleichgültigkeit zu bohren, braucht man eben viel unterschiedliches Handwerkszeug. Das kann eine Demo genau so sein wie ein Konzert, ein Ausflug zur Partnergemeinde jenseits der Grenze genauso wie eine Lehrerfortbildungsmaßnahme. Eine kleine Broschüre wie das Organisieren eines Dolmetschers. Die Sanierung eines Kulturzentrums wie das Verlegen von Stolpersteinen zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust.

Widerstand gegen Missstand muss eben nicht groß und pathetisch daherkommen.

Respekt und Zuneigung also für die vielen Aktiven, die gegen undemokratische Übergriffe, Löcher im Sozialstaat, plattes Unrecht und subtile Diskriminierung kämpfen:

Die Bürgerinitiative "Demokratie anstiften", die vor allem durch ihre grenzüberschreitende Arbeit und ihre Aktionen gegen die NPD auffällt.

Die evangelische Erwachsenenbildung Sachsen mit dem Projekt "AG Kirche gegen Rechtsextremismus", sie treibt den innerkirchlichen Diskurs voran.

Das Projekt "Peer Leadership" der RAA Sachsen. Hier werden Jugendliche zwischen 12 und 16 als Meinungsführer und Konfliktvermittler trainiert.

Das "Medinetz Dresden"; es unterstützt illegale, kranke Asylbewerber, besorgt Ärzte und Hebammen, klärt über die manchmal schreckliche Lage von Illegalen auf.

Der Verein "Oberlausitz – neue Heimat" arbeitet mit Spätaussiedlern und Migranten zusammen, damit die sich besser integrieren und am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilnehmen. Dazu gehören Generationstreffpunkte mit Sprachtraining, Familienfeste, Sportveranstaltungen.

Das "Berufliche Schulzentrum Wurzen", es steht für den intensiven Austausch zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen, insbesondere für die Arbeit an Gedenkstätten und die Begegnung mit Zeitzeugen des Nationalsozialismus.

Der "Rote Stern Leipzig ’99", das sind anti-rassistische, anti-sexistische Fussballfans mit einem Ehrenkodex gegen rechte Hooligans. Menschenrechte zu achten kann schon beim gemeinsamen Fussballtraining gelernt werden.

"Vive le Courage" aus Mügeln kämpft beharrlich für ein unabhängiges Jugendzentrum, das kritische Veranstaltungen zu Menschenrechten oder Rassismus anbieten will. Das fehlt wohl in Mügeln…

Die "Hillersche Villa" in Zittau, das ist eine Dachmarke für eine Fülle von politischen und kulturellen Projekten für Kinder, Erwachsene und Senioren im Dreiländereck. Geschichts-Workshops, alternative Stadtführungen.
Hier werden aber auch Frauen beraten, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsheirat sind.

Die Initiative "18 Songs gegen die NPD und andere Nazis", Schüler einer Dresdner Berufsfachschule, die eine Musik-CD produziert und kostenlos an Schulen geliefert haben.

So vielfältig, so vital ist es, wenn Leute quer durch die Generationen und sozialen Schichten sich zusammentun zum… Gemeinwohl. Eine bunte Bewegung, die dort ansetzt, wo es der Staat nicht kann oder nicht mehr tut. Lebendiger Verfassungsschutz!

Sie suchen Perspektiven für jetzt und für die Zukunft. Sie vernetzen Menschen, die wissen, dass das Bessere der Feind des Guten ist. Sie fragen: WER definiert eigentlich das Zusammenleben in der Gesellschaft? Gewaltbereite Schläger? Gleichgültige Bürokraten? Feige Lokalpolitiker?

Der Sächsische Förderpreis für Demokratie steht für Parteinahme. Für universelle Prinzipien - über Einzel- oder Gruppeninteressen hinaus. Ihre Projekte sind parteilich, und das ist gut und notwendig so. Und wird Ihnen gelegentlich Ärger eintragen. Aber wer aufregt, regt auch an.

Die Projekte und Bürgerinitiativen, die sich um den Sächsischen Förderpreis für Demokratie bewerben, sind vorbildlich, indem WIE sie Not und Ängste der Menschen angehen. Sie sind per se konfliktfreudig, denn Konflikte treiben die gute Sache voran. Aber ihre Zielvorstellung ist eine "Win-Win-Situation". Ja, es gibt das Positive. Aktive Demokraten ertragen Unterschiede, machen Lösungsvorschläge und sprechen Wünsche aus. Beleuchten nicht nur den Horror. Haben die Kraft, immer wieder auf Kontext und Kontinuität zu setzen.

Sie haben sture, aber nicht orthodoxe Vorstellungen von Anstand und Solidarität, bei ihnen vor der Tür und weltweit. Sie setzen sich im Privaten und Öffentlichen für gleiche Chancen ein - unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Religion, Geschlecht - weil andere ihnen ähnlich sind. Sie zeigen gesunde Reflexe, sobald es um Gerechtigkeit geht. Sie nehmen Schwache wahr.

Arbeit wie die Ihre trägt zum politischen Klima bei. Sie geben der Demokratie eine gute Dosis Sauerstoff, Sie demokratisieren die Demokratie, indem Sie Defizite aufzeigen und etwas daran ändern. Das stellt die Mächtigen in Politik, Kultur, Wirtschaft unter Legitimationsdruck. Die werden an ihre Versprechen von gestern erinnert. Und an die Chancen von morgen.

Sie wollen eine sympathischere Gesellschaft, die allen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem materiellen Status, ein würdiges Leben ermöglicht. Und das Schönste: Sie lassen sich von der Größe der Aufgaben nicht erschrecken.

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