Sächsischer Förderpreis für Demokratie / Rückblick 2009 / Interview mit "Medinetz Dresden"

Interview mit "Medinetz Dresden"



Die Menschenrechtsinitiative „Medinetz Dresden e.V.“ setzt sich seit 2005 für die Belange von illegalisierten Migrantinnen und Migranten ein. Dabei liegt der Fokus der Arbeit darauf, Mitmenschen ohne Aufenthaltsstatus medizinische Hilfe zu vermitteln. Aufgrund der restriktiven Asylpolitik in Deutschland können Personen ohne Aufenthaltsstatus bei Krankheit nicht problemlos zum Arzt gehen. Es besteht immer die Gefahr entdeckt und ausgewiesen zu werden. Praktisch sieht die Arbeit der Initiative so aus, dass die Gruppe der 15 Studentinnen und Studenten die Hilfesuchenden an Ärzte oder Krankenhäuser vermittelt, die bereit sind Personen ohne Papiere zu behandeln. Für diesen mutigen Einsatz wurde der Verein im Jahr 2009 mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet. Ein knappes Jahr danach zieht Anna Eichelberg von „Medinetz Dresden e.V.“ in einem Interview Bilanz über die Arbeit des Vereins seit der Preisverleihung.


Frau Eichelberg, vor einem knappen Jahr haben Sie mit ihrem Verein den Sächsischen Förderpreis für Demokratie erhalten. Wie hat Ihnen der Preis bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit weitergeholfen?

Eichelberg: Zunächst einmal haben wir durch den Preis die Möglichkeit erhalten eine größere Öffentlichkeit zu erreichen. Wir hoffen, dass uns der Preis künftig dabei hilft, neue Ärzte für unser Projekt zu gewinnen. Deswegen haben wir eine neue Anwerberunde eingeleitet und hoffen auf mehr positive Rückmeldungen von den Ärzten. Bisher erklärten sich in Dresden nur 18 Ärzte bereit, Menschen ohne Papiere zu behandeln, obwohl wir bei der Gründung des Vereins an 500 Ärzte Briefe mit der Bitte um Unterstützung versendet hatten. Viele Ärzte befürchten, sich durch die Behandlung von Illegalisierten strafbar zu machen, aber diese Sorge ist völlig unbegründet. Andere haben Angst, dass ihre Praxis zu einer Anlaufstelle für Menschen ohne Papiere wird, wenn sich herumspricht, welcher Arzt sie behandelt. Durch den Demokratiepreis haben wir von offizieller Seite Unterstützung und Anerkennung für unsere Arbeit bekommen, so dass wir hoffen, dass uns Ärzte hoffentlich schneller vertrauen und helfen werden. Konkret haben wir das Preisgeld vor allem dafür verwendet, die Migranten bei teuren Medikamenten oder längeren Krankenhausaufenthalten finanziell zu unterstützen. Dies war bis dahin kaum möglich.

Sie hatten, als Sie sich um den Preis bewarben, den Wunsch, die Plakatausstellung „kein mensch ist illegal“ in Dresden zu zeigen. Konnten Sie dieses Vorhaben verwirklichen?

Eichelberg: Ja, nach langer Organisationsarbeit haben wir die Wanderausstellung im Mai nach Dresden geholt. Zwei Wochen lang konnten die Bürgerinnen und Bürger die Plakate, mit denen auf die Probleme von illegalisierten Migrantinnen und Migranten aufmerksam gemacht wird, besichtigen. Die Plakate haben wir beispielsweise in Bürgerbüros und Kirchengemeinden aufgehängt, um sie für zahlreiche Menschen frei zugänglich zu machen. Damit wollten wir möglichst viele Menschen erreichen und nicht nur diejenigen, die sich schon mit dem Thema auseinandersetzen. Als Rahmenprogramm haben wir unter anderem eine Podiumsdiskussion organisiert, bei der wir auch mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Dresden über die alltäglichen Probleme der Migranten und Flüchtlinge diskutieren konnten. Zum Abschluss der Ausstellung veranstalteten wir ein Vernetzungstreffen zur Kontaktaufnahme und zum Erfahrungsaustausch mit verschiedenen Initiativen und Vereinen aus Dresden.

Wie beurteilen Sie die Resonanz der Ausstellung in der Öffentlichkeit?

Eichelberg: Insgesamt waren die Reaktionen auf die Ausstellung sehr positiv und haben unserer Arbeit mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit verschafft. Wir können aufgrund der dezentralen Organisation schwer beurteilen wie viele Personen tatsächlich die Ausstellung besucht haben. Dennoch haben wir viele positive Rückmeldungen bekommen und schon allein durch das Bewerben der Ausstellung viele Menschen auf die problematische Situation von Personen ohne Aufenthaltsstatus aufmerksam gemacht. Leider wird dieses Thema in der Öffentlichkeit bisher noch zu wenig diskutiert.

Hat sich die Arbeit mit den illegalisierten Migrantinnen und Migranten verändert?

Eichelberg: Auch von den Migrantinnen und Migranten haben wir seit der Ausstellung verstärkt Rückmeldung bekommen. Wir werden nun deutlich häufiger kontaktiert, also scheinen wir auch hier größere Aufmerksamkeit geweckt zu haben. Diese Entwicklung ist sehr positiv. Wir müssen aber in Bezug auf die Öffentlichkeitsarbeit unseres Vereines immer auch versuchen ein Gleichgewicht zu wahren. Zu viel Aufmerksamkeit von Seiten der Medien oder der Politik könnte die Hilfesuchenden abschrecken, sich mit ihren Problemen an uns zu wenden. Auf der anderen Seite müssen wir versuchen möglichst viele Menschen zu erreichen, um jene unterstützen zu können.

Was würden Sie sich für die Zukunft des Vereins wünschen?

Eichelberg: Die beste Entwicklung wäre natürlich, wenn sich die restriktive Asylpolitik der Bundesrepublik ändern und dadurch unsere Arbeit überflüssig machen würde. Dennoch scheint in absehbarer Zeit keine großartige Veränderung anzustehen. Deswegen wollen wir nun vermehrt in die Öffentlichkeit treten, um die Menschen für die Probleme, die für illegalisierte Migrantinnen und Migranten im Alltag auftreten, zu sensibilisieren.


Die Fragen stellte Laura Frey.